Einer von 10 Preisen für NRW und Sachsen ging nach Bad Münstereifel
Beim diesjährigen Schreibwettbewerb Grüner Lorbeer, den die gemeinnützige Eckenroth-Stiftung seit 1998 jährlich für wechselnde Bundesländer veranstaltet - für NRW zuletzt in 2004 - und an dem sich bisher insgesamt 4.193 Schüler beteiligten, gehört diesmal Jacqueline Ackermann aus der Klasse 8b des St. Michael-Gymnasiums zu den 10 Besten. Ziel der Eckenroth-Stiftung ist es, schlummernde Talente zu entdecken und professionell zu fördern.

Der Wettbewerb Grüner Lorbeer, auf den Jacqueline von ihrer Deutschlehrerin Frau Trump-Plum aufmerksam gemacht wurde, richtet sich an die Zielgruppe der Zehn- bis Vierzehnjährigen. Eingereicht werden sollte eine selbst erlebte Geschichte von maximal zwei  Seiten, die von der Jury nach den Kriterien Authentizität und Sprachbeherrschung beurteilt wurde. Mit ihrer Geschichte „Irgendwann komm ich dich mal besuchen", in der sie den Tod ihres Großvaters verarbeitet, gehört Jacqueline zu den zehn besten Jungautoren. Zu ihrem Preispaket gehören neben der Veröffentlichung  ihrer Geschichte auch eine Autorenlesung im Lesezelt auf der Frankfurter Buchmesse, ein Basis-Schreib-Training sowie das Angebot zur Aufnahme in ein langfristiges Förderprogramm, das u.a. Praktika in Theatern, beim Fernsehen, in Verlagen und bei der Zeitung sowie Autorenreisen miteinschließt. Zur entsprechenden Förderung der Jungautoren stehen der Eckenroth-Stiftung Schreibtrainer, Pädagogen, Dramaturgen, Film- und Theaterpraktiker zur Verfügung. Die Preisverleihung fand am 19. September in Eckenroth im Hunsrück statt.

 

 

Irgendwann komm ich dich mal besuchen ...

 

Ich habe mich nie gefragt, warum an diesem Morgen die Parfümflasche, das letzte Geschenk von Opa Josef, zerbrach, habe mich nicht dafür interessiert, weshalb meine Mutter nicht zu Hause war, als ich von der Schule kam. Es erschien mir unwichtig. Heute wünsche ich mir, ich hätte es getan.

Mein Vater kam mich holen, als ich gerade bei meiner Oma saß und versuchte, das schwerste Puzzle zu lösen, das ich kenne. Geschafft hab ich es bis heute nicht.

Mein Opa rief mich und sagte, mein Vater sei in der Küche und wolle mich sprechen. Ich dachte fieberhaft nach, ob ich irgendetwas zu tun vergessen hatte, aber mir fiel nichts ein. Also ging ich in die Küche, wo mein Vater gedankenverloren aus dem Fenster starrte. Dann sah er mich an und ich wusste sofort, dass etwas nicht stimmte. Die Art, wie er mich ansah, erschreckte mich. Er hatte noch nie so traurig ausgesehen. Er sagte leise zu mir, ich solle mich auf den Stuhl neben ihn setzen. Es war ein sehr alter Stuhl, das linke Stuhlbein war locker. Dann sagte er: „Hör mal, dass Mama heute Mittag nicht zu Hause war ....  Also, das hat einen Grund." Er zögerte und holte tief Luft, bevor er weitersprach. „Die Sache ist  die:  Opa Josef ist gestorben."

Zuerst hab ich nur gedacht: „Guter Witz, echt lustig." Aber Papas Blick ließ mich wissen, dass ich im Unrecht war. Dass er die Wahrheit sagte. Zuerst fühlte ich gar nichts. Ich war innerlich wie ausgefegt. Dann stieg eine Wut in mir hoch, die mich heute noch erschreckt. Ich war wütend auf Papa, weil er mir die Wahrheit erzählte, wütend auf das Puzzle, weil es sich nicht zusammenfügen lassen wollte. Aber am meisten ärgerte mich die Parfümflasche, die an diesem Morgen zerbrochen war. Dann spürte ich eine unendliche Müdigkeit. Die nächsten Stunden habe ich geweint.

Die Beerdigung war drei Tage später. Ich erinnere mich noch gut an die Fliesen in der Kirche. Es grenzten genau 128 an unsere Bank. Ich kannte die wenigsten Trauergäste. Eine Frau hat sogar mit ihrem Handy telefoniert und so albern gekichert, dass ich sie am liebsten an den gefärbten Haaren gepackt und durch das Weihwasserbecken gezerrt hätte. Ich tat es dann doch nicht, weil das Wasser sonst garantiert ganz schwarz vor lauter Schminke geworden wäre.

Am Schluss der Trauerfeier hat ein Arbeitskollege eine Rede über Opa Josef gehalten. Ich hab mich gefragt, ob wir dieselbe Person kannten. Das war irgendein anderer Mensch, den er beschrieb, aber nicht mein Opa. Der war nie ernst und gewissenhaft gewesen. Leichtsinnig und lustig ja, aber nicht ernst.

Ich war müde, als wir nach Hause kamen. Doch ich war sofort hellwach, als mir dieser Duft auffiel. Stark, fast dreist drängte er sich in meine Nase. Mir wurde beinahe übel. Ich blickte verstohlen zu Mama und zu Papa, der meinen schlafenden Bruder trug. Dennis war noch viel zu klein, um zu verstehen, was um ihn herum geschah. Aber ich konnte in den erstaunten Gesichtern meiner Eltern lesen, dass sie es auch rochen: Es duftete nach Bienenwachskerzen. Mein Opa war Imker gewesen. Früher, als Dennis und ich noch kleiner waren, haben wir ihn gebeten, wenn er in den Himmel kommt, soll er uns sagen, ob es dort schön ist. Dann würden wir ihn sonntags zum Kaffee besuchen kommen.

Ich rannte ins Wohnzimmer und wühlte wie im Wahn in allen Schränken, Schubladen und Nischen nach der Duftquelle.

Doch so sehr ich auch stöberte, ich fand keine Bienenwachskerzen.

Kurz danach bin ich acht Jahre alt geworden und damals habe ich mir geschworen, dass ich irgendwann an einem sonnigen Sonntagnachmittag meinen Opa besuchen werde. Und dass ich alle versäumten Geburtstage mit ihm nachfeiern werde.

Irgendwann ...

Jacqueline Ackermann

 
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